Schreckensherrschaft in der Volksrepublik Donezk

Entführungen, Folterungen, Morde – die Separatisten im Osten der Ukraine scheuen vor keinem Mittel zurück, um politische Gegner und unabhängige Berichterstatter einzuschüchtern. Die Beispiele sind mannigfaltig. (…) Vorbei an Polizisten und am diensthabenden Priester der orthodoxen Kirche schleppen acht maskierte Separatisten einen jungen Mann an allen Vieren vorbei. Er ist vielleicht 30 Jahre alt, mit modisch geschnittenen dunkelblonden Haaren; seine Hände sind mit einem Kabelbinder aus Plastik gefesselt. Über die Wangen laufen ihm die Tränen, in seinen Augen steht Todesangst. “Auf die Bühne mit ihm!”, ruft der Redner. Dort wird der junge Mann geschlagen und sein Verbrechen präsentiert: Er hat Flugblätter gegen die Separatisten und das von ihnen geplante Referendum zur Abspaltung von der Ukraine verteilt. “Provokateur!” und “Tötet ihn!” rufen die Zuhörer, als die Maskierten den jungen Mann von der Bühne und ins Innere des Gebäudes zerren. Es ist der 6. Mai, 18.25 Uhr. Willkommen in der von den Separatisten ausgerufenen “Volksrepublik Donezk”. (…) Die überwältigende Mehrheit der Entführten aber sind demokratische Lokalpolitiker, Pro-Maidan-Aktivisten, Journalisten oder Polizeibeamte, die sich weigern, zu den Separatisten überzulaufen. Die meisten Entführten werden am Ende freigelassen, doch Dutzende sind vermisst. Schon im April wurden drei Entführte mit Folterspuren tot aufgefunden. “Diese Morde waren Schlüsselmorde, um andere einzuschüchtern und davon abzuhalten, den Separatisten weiter Widerstand zu leisten”, sagt Oleg Weremijenko von der Ukrainischen Helsinki-Gruppe. “Allein in Slawjansk sind weitere 15 Menschen entführt worden, ihr Schicksal ist ungewiss.” Aufgeheizte Atmosphäre durch Fernsehen und Fotos Die Wut der Rebellen wurde durch die 46 Toten von Odessa und die manipulative Berichterstattung des russischen Staatsfernsehens weiter geschürt: Der bei den Separatisten rund um die Uhr laufende Kanal Rossija 24 zeigte nur die Bilder der im Gewerkschaftshaus von Odessa verbrennenden Separatisten – nicht aber verzweifelte Versuche, die vom Feuer Eingeschlossenen zu retten. Auch der Auslöser der Gewalt, bewaffnete Angriffe der Separatisten auf eine friedliche Pro-Ukraine-Kundgebung, blieb unerwähnt. Die Kiewer Übergangsregierung ist nicht unschuldig an der aufgeheizten Atmosphäre: Unterschiedslos bezeichnet sie alle Separatisten als “Terroristen”. Fotos von durch Militär oder Geheimdienst festgenommenen, nackt ausgezogenen Separatisten zeugen von einer Entmenschlichung auch auf dieser Seite des Konflikts.

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