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Digitaler Tribalismus und Fake News

Das Internet war für mich immer der Traum der Freiheit. Damit meine ich nicht nur die Freiheit der Kommunikation und der Information, sondern auch die Hoffnung auf eine neue Freiheit der sozialen Beziehungen. Soziale Beziehungen sind, trotz aller sozialer Mobilität der modernen Gesellschaft, auch heute noch etwas sehr Unfreies. Vom Kindergarten über die Schule, den Verein bis zum Unternehmen durchlaufen wir ständig Organisationsformen, die uns fremdbestimmt gruppieren, sortieren und somit entindividualisieren. Von der Hasen- und Igel-Gruppe bis zur Staatsbürgerschaft ist die Gesellschaft als Gruppenspiel organisiert und unsere Mitspieler dürfen wir uns nur selten aussuchen. Und dann heißt es: „Finde dich ein, ordne dich unter, sei ein Teil von uns.“ Das Internet erschien mir als Ausweg. Wenn sich jeder Mensch mit jedem anderen Menschen direkt in Beziehung setzen kann – so mein naiv-utopische Gedanke – dann braucht es keine vergemeinschaftenden Strukturen mehr. Auf einmal können Individuen sich auf Augenhöhe begegnen und sich selbst organisieren. Gemeinschaften entstünden auf einmal als Resultat individueller Beziehungen, statt umgekehrt. Im Idealfall gäbe es überhaupt keine Strukturen mehr, die über die individuell-selbstbestimmten Beziehungsnetzwerke jedes Einzelnen hinausgingen.1 Spätestens die Wahl Donald Trumps war es, die mich unsanft aus meinen Hoffnungen riss. Die Alt-Right-Bewegung – ein Zusammenschluss aus rechtsradikalen Hipstern und den nihilistischen Auswüchsen der Nerdkultur – verbuchte für sich, Trump ins Weiße Haus „geshitpostet“ zu haben. Gemeint ist die massive Flankierung des Wahlkampfes mit Grassroots-Kampagnen im Internet mittels Memes. Und auch wenn man argumentieren kann, dass ihr Einfluss auf die Wahl längst nicht so groß war, wie die Trolle es gerne darstellen: die Meme-Kampagne zeigte auf jeden Fall die enorme Kraft digitaler Agitation.
Doch es war nicht die diskursive Macht internetgetriebener Kampagnen, die mich so nachhaltig erschreckte. Die ist seit dem arabischen Frühling und Occupy Wallstreet ein alter Hut. Es war die vollkommene Loslösung von Fakten und Realität, die sich in der Alt-Right entfaltete und die – angetrieben durch die vielen Lügen Trumps und seiner offiziellen Kampagne – einer unheimlichen Parallelrealität zur Macht verhalf. Die Verschwörungstheoretiker und Spinner haben ihre Nischen im Internet verlassen und regieren nun die Welt. Auf der Suche nach einer Erklärung für dieses Phänomen bin ich immer wieder auf den Zusammenhang von Identität und Wahrheit gestoßen. Die Menschen, die daran glauben, dass Hillary und Bill Clinton eine Reihe von Menschen ermorden ließen und die Demokratische Partei einen Kindesmissbrauchs-Ring im Keller einer Pizzafiliale in Washington betreibt, sind nicht einfach dumm oder unaufgeklärt. Sie verbreiten diese Nachricht, weil sie damit die Zugehörigkeit zu ihrer Gruppe signalisieren. David Roberts hat dieses Phänomen treffend als „Tribale Epistemologie“ bezeichnet und definiert es folgendermaßen: „Eine Information wird nicht anhand von Kriterien wie wissenschaftliche Standards der Beweisführung oder gar der Anschlussfähigkeit an das allgemeine Weltverständnis beurteilt, sondern einzig und allein danach, ob sie den Werten und Zielen des Stammes entspricht. ‘Gut für unsere Seite’ und ‘wahr’ beginnen eins zu werden.“ 2 Auch im deutschsprachigen Internet haben sich neue soziale Strukturen entwickelt, die eine vergleichbare Stammesdynamik aufweisen. Die Mitglieder eines solchen „digitalen Stammes“ kennen sich selten persönlich, wohnen nicht in derselben Stadt, wissen oft sogar nicht einmal die Namen der anderen. Und doch sind sie online eng vernetzt, kommunizieren stetig untereinander und haben sich gegenüber der Restöffentlichkeit ideologisch wie auch vernetzungstechnisch abgespalten. Verbunden fühlen sie sich vor allem durch ein gemeinsames Thema und die Ablehnung der von ihnen als falsch empfundenen Debatte darüber im „Mainstream“.

via ctrl-verlust: Digitaler Tribalismus und Fake News

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