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Unter falscher Flagge. Rechte “Identitäre” setzen auf Antiken-Pop. Die Geschichte ihrer Symbole dürfte ihnen kaum gefallen – #noib #ibiotitäre

In der derzeit viel diskutierten rechtsextremen Szene fällt eine Gruppe als besonders aggressiv auf. Die übernational organisierte „Identitäre Bewegung“ (IB) agiert als eine Art Agit-Pop-Gruppe der völkischen Szene. Aus einer Nachfolgeorganisation der rechtsterroristischen französischen Unité radicale hervorgegangen, ist sie heute europaweit aktiv, besonders in Österreich. Vielerorts beobachtet sie der Verfassungsschutz. Ihre vergleichsweise schwache Mitgliederzahl versuchen die völkischen Aktivisten durch mediale Inszenierungen auszugleichen: Mit spektakulären “metapolitischen” Symbolhandlungen wie Besetzungen und Blockaden, dem demonstrativen Errichten von Grenzzäunen oder jüngst einem “Mahnmal” vor dem Brandenburger Tor plädieren die rechtsextremen Flash-Mobster für ein eingemauertes Europa und hetzen gegen Schwache, Geflüchtete und politisch Verfolgte. Unter dem Begriff des „Ethnopluralismus“ konstruieren sie unterschiedliche homogene Kulturen, die gegen Einflüsse von außen „verteidigt“ werden müssten, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten.[1] Da die selbsterklärten Heimatschützer erkannt haben, dass mit monokultureller Brauchtumspflege in einer globalisierten Welt kein Staat zu machen ist, haben sie sich jüngst der – in völkischen Kreisen sonst eher gering geschätzten – internationalen Popkultur zugewandt. Bei ihren Auftritten schwenken die Extremisten oft poppige Fahnen, auf denen ein schwarzer rechter Winkel mit einem gelbem Grund kontrastiert. Bei diesem Symbol handelt es sich um das Lambda, den elften Buchstaben des griechischen Alphabets. Im antiken Sparta diente das Λ als Abkürzung für das Gebiet Lakedaimonien (Λακεδαιμόνιοι) – spartanische Hopliten-Kämpfer sollen es sich als Erkennungszeichen auf den Wappenschild gepinselt haben. Popularisiert hat das Symbol der animierte Action-Film 300 des amerikanischen Regisseurs Zack Snyder (USA 2007). Der Blockbuster setzt auf martialische Weise eine Schlacht der Antike in Szene: den Kampf zwischen Griechen und persischen Invasoren am Thermopylen-Pass im Jahr 480 v. Chr. Dort hatte sich eine griechische Allianz von einigen tausend Kriegern, darunter 300 spartanische Hopliten des Königs Leonidas, einer auf 50.000 Kämpfer geschätzten persischen Übermacht unter König Xerxes entgegengestellt. Dem Historiker Herodot zufolge wurde die griechische Abwehr nach einem Verrat (eine frühe Dolchstoßlegende) umgangen und ließ sich sehenden Auges bis zum letzten Mann niedermetzeln. Die Gründe für diese strategische Fehlleistung liegen im Dunkeln; antike Geschichtsschreiber werteten sie als fatales Versagen der Spartiaten, denn erst die Athener schlugen die Perser ein Jahr später auf See zurück. (…) Nun ist „klassische“ bürgerliche Bildung normalerweise nicht der Stoff, aus dem Extremisten ihre Mythen stricken. Die Thermopylen-Episode jedoch wird von Kultur-Rassisten als identitätsstiftend verbrämt: Sie verklären die „hellenische“ Streitmacht unter Beteiligung Spartas zum Abwehrheer gegen eine Invasion „fremder Barbaren“ — ungeachtet dessen, dass die Allianz zwischen den heillos zerstrittenen griechischen Stadtstaaten damals äußerst brüchig war. (Der von Rechten verbreitete Aufkleber “Leonidas – Do It Again” zeugt entweder von Unkenntnis oder von einem starken Willen zur Niederlage.) Die Aktualisierung der Antike steht – wie so oft bei angeblich „neu“rechten Inhalten – in alt-nationalsozialistischer Tradition: Als die 6. deutsche Armee 1943 in Stalingrad vernichtet wurde, historisierte Reichsmarschall Hermann Göring das Versagen der angeblich unbesiegbaren Wehrmacht mithilfe des antiken Mythos’, in dem er die Niederlage des Leonidas kurzerhand zum „Beispiel höchsten Soldatentums“ verdrehte.[3] Der NS-Historiker Helmut Berve ging noch weiter und erklärte die Spartaner kurzerhand zu Germanen.[4] (…) Besonders attraktiv ist die altgriechische Episode aber, weil sie im Gewand der bunten Popkultur daherkommt, mit der die Rechtsextremisten ihre altbackene Ideologie als zeitgemäß und jugendlich ausgeben wollen. So haben die identitären Markenstrategen das Symbol bezeichnenderweise erst aufgegriffen und in ihrem Sinne politisiert, als es im Internet bereits als Meme bei einem Millionenpublikum populär war. Wenn ein für martialisches Gemetzel empfängliches Kinopublikum damit erreicht werden kann, so das Kalkül, warum dann nicht auch mal einen amerikanischen Blockbuster zum Vorbild nehmen? (…) Aber nicht nur im Film, sondern auch in sexuellen Emanzipationsbewegungen machte das Lambda-Zeichen Karriere. Ende der Sechzigerjahre wählte die Gay Activists Alliance, eine Abspaltung der Gay Liberation Front die Minuskel des Lambdas, das λ, zu ihrem Symbol, allerdings unabhängig vom Thermopylen-Mythos. Anfang der Siebziger führte es der Lambda Legal (Defense and Education Fund) in seinem Namen, eine Hilfsorganisation, die sich für die Bürgerrechte von Schwulen, Lesben, Transsexuellen und später auch von HIV-Erkrankten engagierte und heute noch mit Musterprozessen gegen Diskriminierung sexueller Minderheiten kämpft. In Anlehnung an diese amerikanische Tradition gründete sich 1990 am Runden Tisch der ostdeutschen Bürgerbewegung als Schwul-/Lesben-Vertretung das Jugendnetzwerk Lambda, das heute in mehreren Landesverbänden organisiert ist. Die Enzyklopädie der LGTBQ-Bewegung führt daher das Lambda als eines ihrer zentralen Symbole.[7] Fahne des Jugend-netzwerkes Lambda für LGBTQ-Rechte. Es ist nicht ohne Ironie, wenn nun ausgerechnet jene homophoben „Identitären“ dieses Symbol in ihrer Flagge führen, die Dominque Venner hudligen, einem französischen Waffenfetischisten und Anti-Gay-Aktivisten, der sich 2013 aus Protest gegen die Homo-Ehe in der Kathedrale von Notre Dame mit einem Kopfschuß das Leben nahm.[8] Auch dürfte es den Aktivisten, die ehemalige Mitglieder mittlerweile verbotener Neonazi-Organisationen in ihren Reihen haben, ebenso wenig gefallen, dass sie sich den Regieeinfall eines jüdischen Filmemachers, Antifaschisten und Flüchtlings im Wortsinne auf die Fahnen geschrieben haben. Zwar könnten sie dem entgegenhalten, die „wahren Ursprünge“ ihres Zeichens lägen nun einmal in Sparta. Doch auch die althistorische Sparta-Forschung hat schon vor Jahrzehnten herausgearbeitet, dass Lakedaimonien stark von Einwanderung geprägt war.[9]

via hypothese.org: Unter falscher Flagge. Rechte “Identitäre” setzen auf Antiken-Pop. Die Geschichte ihrer Symbole dürfte ihnen kaum gefallen

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