NSU-Ermittlungen: Das merkwürdige Verhalten von Böhnhardts Zielfahndern

Bei den Ermittlungen gibt es Ungereimtheiten zuhauf. Sachsens Untersuchungsausschuss fühlt jetzt Fahndern auf den Zahn, die kurz vorm ersten Mord glaubten, Uwe Böhnhardt fotografiert zu haben – und ihn laufen ließen. Die Observation vorm Haus Bernhardstraße 11 lief seit Vormittag. Plötzlich hatte der Mann vom Thüringer Verfassungsschutz eine unbekannte männliche Person vor der Kamera. Dass der Mann, der da am 6. Mai 2000 um 18.52 Uhr begann, Möbelteile ins Haus zu schleppen, dem seit über zwei Jahren zur Fahndung ausgeschriebenen Uwe Böhnhardt zum Verwechseln ähnlich sah, erkannten auch die Thüringer Geheimdienstler. Schließlich war da nicht nur der Kurzhaarschnitt, durch den sich die meisten Männer der rechtsextremen Szene damals sehr ähnelten. Auch die Segelohren passten. Böhnhardts Bild hatten die Observateure vor Augen. Immerhin galt die Aktion laut Antrag ja nur dem Zweck, das Trio Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe aufzuspüren. Im Januar 1998 waren die Drei aus Jena verschwunden, als man dort in einer Garage ihre Bombenwerkstatt ausgehoben hatte – mit Rohrbomben und knapp 1,4 Kilogramm Trinitrotoluol (TNT). Nun vermutete man sie in Chemnitz. Zwar sollten Zielfahnder des Thüringer Landeskriminalamts und auch das LKA Sachsen die Observation flankieren, nach Aktenlage waren sie in Vorbereitungen eingebunden. Dennoch – am Abend des 6. Mai 2000 erfolgte kein Zugriff. Rund 17 Wochen vorm ersten der heute dem “Nationalsozialistischen Untergrund” (NSU) zugeschriebenen Morde glaubte man den international gesuchten Böhnhardt in Chemnitz ausgemacht zu haben – ließ die Person aber laufen. Bei der Adresse Bernhardstraße 11 handelte es sich um die der Friseurin Mandy S., die seit Auffliegen des NSU im November 2011 als Unterstützerin gilt. Dokumente belegten, dass Zschäpe im Untergrund ihren Namen als Tarnidentität nutzte. Mandy S. selbst räumt ein, Zschäpe im Untergrund ihre AOK-Karte gegeben zu haben, um ihr einen Besuch beim Arzt zu ermöglichen. Doch zurück ins Jahr 2000: Neun Tage nach Aufnahme der Fotos in Chemnitz informierte der Thüringer Verfassungsschutz das Thüringer LKA. Man bat, die Identität der Böhnhardt ähnlichen Person “auf polizeilichem Weg” zu klären. Auch beim Thüringer LKA ließ man sich Zeit. Zwei Wochen später schickte man die Observationsfotos samt Vergleichsfoto von Böhnhardt als Anfrage ans BKA. Die Antwort dauerte noch mal drei Wochen. Am 23. Juni schrieben BKA-Auswerter: “Die bei einem allgemeinen Vergleich festgestellten optischen Übereinstimmungen deuten darauf hin, dass es sich bei den auf den betreffenden Aufnahmen abgebildeten männlichen Personen um ein und dieselbe Person handelt.” Nur war diese Person inzwischen weg. Telefonüberwachung und Video-Observationen bei Mandy S. und ihrem Freund Kay S. ergaben keine weiteren stichhaltigen Treffer. Getroffen wurde am 9. September statt dessen der 38-jährige Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg – von acht Kugeln. Er starb zwei Tage später.

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