Skandal um NS-Täter Franz Murer – Wie der “Schlächter von Wilna” davonkam

Franz Murer machte den Bewohnern des Gettos von Wilna das Leben zur Hölle – und wurde nach dem Krieg in Österreich freigesprochen. Der Skandalprozess gegen den NS-Täter wirkt bis heute nach. Das Getto in Wilna, Dezember 1942, knapp vor Weihnachten: Vor seiner Abreise in den Heimaturlaub hat Franz Murer, im Gebietskommissariat Wilna-Stadt zuständig für “Judenfragen”, beschlossen, noch einmal am Gettotor zu kontrollieren. Die Juden sollen sich nur nicht zu sicher fühlen. Wie immer, wenn Murer am Tor steht, macht sich Angst unter den heimkehrenden Arbeiterinnen und Arbeitern breit. Alle wissen: Er ahndet jeden Schmuggel von Lebensmitteln oder Holz gnadenlos. Rasch findet er auch an diesem Abend sein Opfer: Eine junge Frau wird von ihm angehalten, es ist die in Wilna bestens bekannte Sängerin Ljuba Lewicka. Die “Nachtigall des Gettos” wird sie genannt, vor der Ankunft der Deutschen war sie auf dem Sprung zur großen Karriere gewesen, hatte Tschaikowsky im großen Saal der Philharmonie und Franz Lehár für Radio Wilna gesungen. Jetzt teilt sie das Schicksal ihrer jüdischen Landsleute: Seit September 1941 ist sie im Getto, muss Zwangsarbeit leisten und die Schikanen der Gestapo ertragen, die ihr “Rassenschande” vorwirft. Mit vorgehaltener Pistole zwingt Murer die Sängerin, ihre Taschen zu leeren. Ausgerechnet heute hat sie ein halbes Pfund Erbsen eingesteckt – mit Erlaubnis ihres Arbeitgebers, der Feldkommandantur Wilna. Murer lässt sie dennoch festnehmen und ins berüchtigte Lukiszki-Gefängnis bringen – ein Todesurteil: Am 27. Januar 1943 wird Ljuba Lewicka in der Vernichtungsstätte Ponary, in einem Wald etwa zehn Kilometer außerhalb Wilnas gelegen, erschossen. Von den rund 75.000 Juden, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Wilna wohnten, dem “Jerusalem des Nordens”, überlebten nur wenige den Holocaust. Für sie blieb der Name Franz Murer der Inbegriff des Nazi-Terrors. Unmensch und Karrierist Man erzählte sich Schreckliches über den jungen, hochgewachsenen Mann in der hellbraunen Uniform der Ordensjunker, den sogenannten “Herrn der Juden” und “Schlächter von Wilna”. Franz Murer, geboren 1912 als Sohn eines Bauern im kleinen steirischen St. Lorenzen und vor dem “Anschluss” Österreichs als Gutsverwalter tätig, wurde zur bekanntesten Gestalt der NS-Herrschaft in Wilna. Murer galt als tüchtig, packte an – und hasste Juden. Als Angehöriger der zivilen NS-Verwaltung im “Reichskommissariat Ostland” entschied er sich für die aktive persönliche Mitwirkung an der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Er nutzte dafür seinen Handlungsspielraum als Zivilbeamter bis zum Äußersten aus. (…) Der skandalöse Freispruch, der die Opfer verhöhnt und den Täter zum Sieger macht, beschädigt das Ansehen der österreichischen Justiz schwer, die Beziehung zu Israel gerät in eine Krise. Der Freispruch wird zwar am 22. April 1964 vom Obersten Gerichtshof wegen einer Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft aufgehoben. Am 24. Juli 1974 wird das Verfahren gegen Franz Murer jedoch endgültig eingestellt. Er wird für seine Mitwirkung am Holocaust nicht weiter belangt.

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