#Erdogan und der #DFB : In der Tugendherberge

Der DFB maßregelt zwei Fußballer und erinnert sie mit erhobenem Zeigefinger an die Werte, für die der Deutsche Fußball-Bund stehe. Welche sind das eigentlich? Fußball ist ein Spiel, ein Sport, eine Show, ein Geschäft und eine Verlogenheit. (…) Wie kommt es zur Verlogenheit im Fußball? Ein Beispiel lehrt es gerade: Die türkischstämmigen deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil haben sich mit dem Staatschef der Türkei ablichten lassen, haben ihm Trikots ihrer englischen Vereinsmannschaften gewidmet und „ihrem Präsidenten“ darauf Hochachtung ausgedrückt. Die törichte Handlung – Herr Erdogan korrumpiert sein Land, tritt den Rechtsstaat mit Füßen, lässt verhaften, wer ihm nicht passt, hat der deutschen (also Gündogans wie Özils) Kanzlerin „Nazi-Methoden“ vorgeworfen und so weiter – ist das eine. Bei Diktaturen zeigte sich der DFB auslegungsbereit Das andere ist, dass die Spieler jetzt mit erhobenem Zeigefinger an die Werte erinnert werden, für die der Deutsche Fußball-Bund stehe. Welche Werte sind es denn? Nur die üblichen, die aus den Reklamespots, die sich an Rassisten mit der Aufforderung wenden, den Rassismus sein zu lassen, oder auch noch besondere? Klugheit ist von den Spielern sicher nicht bewiesen worden. Wer sie als Erwartung an Profifußballer heranträgt, muss mit Enttäuschungen rechnen. Deswegen haben sie ja Berater. Aber lupenreines Demokratsein und Distanz zu Autokratien – auch das ein DFB-Wert? Man fuhr 1978 nach Argentinien, man fährt jetzt nach Russland und dann nach Qatar. Wann immer es um Diktaturen ging, zeigte sich der DFB in seiner Geschichte auslegungsbereit. Stets noch hatte Fußball dann letztlich doch nichts mit Politik zu tun. Und dass der Zweck den Beckenbauer heiligt, war das nicht soeben noch ein DFB-Wert ersten Ranges? (…) Es geht mithin gar nicht um Haltungen, für die man zu verzichten – zum Beispiel auf starke Spieler, WM-Teilnahmen oder Geschäfte – bereit wäre. Es geht nur um moralisches Händeringen vor der Öffentlichkeit.

via faz: Erdogan und der DFB : In der Tugendherberge

just remember: DFB und Argentiniens Junta : Das Geschäft mit den Mördern (05.06.2014). Es ist eine eindrucksvolle Dokumentation: Argentiniens Diktatoren ermorden 1977 eine deutsche Studentin, der Deutsche Fußball-Bund tritt willfährig zum Freundschaftsspiel an. „Wir treten für die Menschenrechte ein in der ganzen Welt, nur hängen wir unsere Auffassung nicht so sehr zum Fenster heraus, denn das nutzt niemandem. Wir gehen andere Wege.“ Hermann Neuberger lässt keinen Zweifel, was ihm wichtig ist. Er ist Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), er ist Boss der deutschen Nationalmannschaft. 1977, am 5. Juni, lässt er seine Auswahl, den Weltmeister, in Buenos Aires gegen Argentinien spielen. Es ist eine Art Generalprobe ein Jahr vor der Weltmeisterschaft unter der Ägide der Militärdiktatur. Deutschland gewinnt 3:1. Kapitän Berti Vogts ist empört: „Wenn wir als Mannschaft ein Leben hätten retten können, hätten wir es getan. Aber wir waren nicht in der Lage dazu, wir wussten es nicht.“ Deutschlands Fußballstars Sepp Maier, der junge Karl-Heinz Rummenigge, Vogts, sie wurden damals ahnungslos gelassen, bevor sie in einem sportlich relativ belanglosen „Freundschaftsspiel“ den Ball laufen ließen. Nichts von dem, was am Tag zuvor bei einem Empfang der deutschen Botschaft zwischen Botschafter Jörg Kastl und Neuberger besprochen worden war, erreichte die Mannschaft: ein Stillschweigeabkommen über den Tod der Studentin Elisabeth K., der sich als kaltblütiger Mord durch die Machthaber nach wochenlanger Folter herausstellte. Kein Wort – bis das Spiel gespielt ist. Der Mord und das Versagen Elisabeth Käsemann hätte mit ein bisschen Einsatz gerettet werden können. Das führt der Dokumentarfilm „Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?“ von Eric Friedler, der an diesem Donnerstag im Ersten zu sehen sein wird (22.45 Uhr), eindrucksvoll vor Augen: ein totales, erschreckendes Versagen der deutschen Diplomatie. Und den willfährigen Dienst einer deutschen Nationalmannschaft als Vermittler einer optischen Täuschung: Das schöne, ungestörte Freundschaftsspiel sollte als Hinweis dienen auf die Sicherheit unter der brutalen Militärdiktatur ein Jahr vor der WM 1978. Fußball, Sport als politisches Instrument: Eigentlich verwahrten sich deutsche Sportfunktionäre seit dem Missbrauch der Olympischen Spiele 1936 durch die Nazis gegen eine Instrumentalisierung. Bis heute dient dieses Argument für eine Distanzierung des organisierten Sports von Politik jeglicher Couleur. Man will nicht Partei ergreifen. Auch dann nicht, wenn Einmischung zum Schutz der Menschenrechte gefordert wird, wie zuletzt bei den Winterspielen in Sotschi, wo das Anti-Schwulen-Gesetz Russlands gilt. Oder während der Eishockey-Weltmeisterschaft im Mai in Weißrussland, bei Europas letztem Diktator Lukaschenka. Friedlers Film berührt über das furchtbare Schicksal der Elisabeth K. hinaus einen neuralgischen Punkt der Sportpolitik. Nämlich die hochaktuelle Frage, unter welchen Bedingungen man an einem internationalen Sportfest teilnimmt, zum Beispiel beim Fußballfest 2018 in Russland, 2022 dann in Qatar.

Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *