Prozess gegen NS-Lagerleiter Freispruch für den Höllenmeister

Die Häftlinge von Börgermoor fürchteten Wilhelm Rohde als Sadisten. Doch das Gericht sprach den NS-Lagerleiter 1959 frei. Der Fall zeigt, wie mild die bundesdeutsche Justiz mit Naziverbrechern umging. “Der kommt mir heute Abend nicht mehr lebend ins Lager”, sagte Wilhelm Rohde am 20. Juni 1939 über einen Gefangenen – so berichtete es ein Zeuge. Am selben Tag wurde der Häftling von einem SA-Mann erschossen. Frühere Lagerinsassen sagten weiter aus, Rohde habe drei Monate später 800 Gefangene zusammen treiben lassen und Wachmänner mit Gummiknüppeln und Bajonetten auf sie gehetzt. 17 Häftlinge blieben demnach mit klaffenden Wunden liegen und mussten von ihren Mitgefangenen ins Lager getragen werden. Rohde habe sich an dem Anblick von einer Anhöhe aus ergötzt. 20 Jahre später, im Herbst 1959, stand Wilhelm Rohde als ehemaliger Leiter des Strafgefangenenlagers Börgermoor in Berlin-Moabit vor Gericht. Zeugen warfen ihm zehn Morde, Hunderte Körperverletzungen sowie viele andere Schikanen und Demütigungen vor. Ehemaligen Häftlinge beschrieben den Angeklagten als sadistische Bestie. Doch Richter, Verteidiger und selbst der Staatsanwalt misstrauten den Gefangenen – sie zogen es vor, einstigen SA-Männern zu glauben, die Rohde entlastet hatten. Am 31. Oktober 1959 sprach das Gericht den Angeklagten frei. Der Fall Wilhelm Rohde steht beispielhaft für die milde Justiz im Westdeutschland der Adenauer-Jahre, für eine Bundesrepublik, die sich nach einem “Schlussstrich” unter die Nazizeit sehnte. (…) Die deutschen Strafverfolgungsbehörden waren bei Weitem nicht so bissig wie die der Siegermächte. Zahlreich übernahmen Täter und Mitläufer des NS-Regimes im Nachkriegsdeutschland Spitzenposten in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. So machte Hans Globke, Mitverfasser der Nürnberger Rassengesetze, in der CDU Karriere und wurde später Adenauers Kanzleramtsminister. Besonders belastet aber waren die westdeutschen Juristen. 1948 etwa waren 76 Prozent der bayerischen Staatsanwälte und 60 Prozent der Richter ehemalige NSDAP-Mitglieder. Gering war zugleich der Wunsch nach Aufklärung in der Bevölkerung: 1947 gaben 52 Prozent der Deutschen an, der Nationalsozialismus sei “eine gute Idee” gewesen. (…) Die Haft war für Rohde ohnehin keine große Entbehrung. Im Gefängnis Moabit konnte er sich auf seinen Naziklüngel verlassen: Er genoss besseres Essen und mehr Freizeit als andere Gefangene, wie “Neues Deutschland” berichtete. Bald schon attestierte ihm der Gefängnisarzt eine Krankheit. Nach kaum vier Jahren wurde er als haftunfähig entlassen und lebte fortan von Sozialhilfe.
Offenbar war ihm die Entlassung nicht genug. Rohde beantragte, dass sein Verfahren wegen neuer Beweise wieder aufgenommen wurde. Ihm ging es wohl vor allem um eine Pension. Denn ein Gesetz von 1951 ermöglichte es Hunderttausenden ehemaligen Beamten des NS-Staates, wieder eingestellt zu werden und auch ihre Pension einzufordern – sofern sie keine verurteilten NS-Straftäter waren. Rohde suchte Entlastungszeugen und wurde dank seines Netzwerkes im Justizapparat fündig. 1959 im Wiederaufnahmeverfahren sagten frühere Ärzte, Leiter und Wächter von Strafgefangenenlagern aus: Der Angeklagte sei “ein korrekter preußischer Beamter”, “ein Kerl mit rauer Schale, im Grunde seines Herzens aber ein wirklich guter Kerl”. Er habe “Misshandlungen direkt verboten”, überhaupt habe es “keine besonderen Vorkommnisse gegeben”. Trotz erwiesener Vergangenheit in der Nazischlägertruppe SA arbeiteten einige dieser Zeugen in bundesdeutschen Gefängnissen.

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