aus aktuellem Anlass: Die Akte Strache

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache war als junger Mann in der Neonazi-Szene unterwegs. Wie tief steckte er wirklich drin? Eine Rekonstruktion. Nach wenigen Minuten reicht es Heinz-Christian Strache mit der Fragerei. Vielleicht ahnt er, dass er etwas zu viel erzählt hat. Er rutscht auf seinem Holzstuhl zurück, die Stimme bebt. “Es ist offensichtlich, dass Sie nur ein Thema interessiert”, sagt der FPÖ-Chef und kneift die Augen zusammen. Sein Pressesprecher fährt mit der Hand flach über den Tisch, Schluss jetzt. Das Thema ist heikel, sehr heikel: Straches Zeit in der Neonazi-Szene.
Bis dahin ist die Atmosphäre gelöst. Strache erzählt in der holzvertäfelten Stube eines historischen Innsbrucker Gasthauses aus seiner frühen Jugend. Er sitzt in flaschengrüner Trachtenweste locker auf seinem Stuhl, scherzt. Die Stimmung kippt, als Fragen zu seiner Phase im Milieu kommen. Für den 48-jährigen Strache, der drauf und dran ist nach der Parlamentswahl am 15. Oktober als Vizekanzler in der österreichischen Regierung zu sitzen, sind diese mehr als nur unangenehm. Vor zehn Jahren gab es dazu einige Enthüllungen in den Medien, meist belegt mit Fotos. Der FPÖ-Chef wackelte, aber er stürzte nicht.
SZ-Recherchen zeigen, wie tief er als junger Erwachsener wirklich drin steckte. Schilderungen von Augenzeugen, Erkenntnisse deutscher Sicherheitsbehörden und Archivmaterial belegen: Strache war über Jahre Bestandteil der Neonazi-Szene und begann parallel dazu seine Karriere in der FPÖ. Strache als junger Mann bei mutmaßlichen Wehrsportübungen in Kärnten. Seine Verteidigungslinie an diesem Tag in Innsbruck ist ähnlich wie die Jahre zuvor: Er verdammt den Nationalsozialismus und gleichzeitig Extremismus aller Art. Seine Jahre im Milieu damals: ein Lernprozess. “Ich war ein Suchender, ich habe mir vieles angeschaut”, sagt Strache und fährt mit dem Zeigefinger über das weiße Tischtuch. Einen Fehler nennt er diese Erfahrungen nicht, für ihn ist damit alles gesagt. Auch sein Pressesprecher schüttelt den Kopf: Jugendsünden seien das gewesen, harmlos. Bei Nachfragen droht das Gesprächsende. Mit dieser Taktik hat Strache in Österreich das Thema abgestreift. Er ist heute einer der erfolgreichsten Rechtspopulisten Europas, 2016 schafft er es sogar auf die Titelseite des Time Magazine. In zwölf Jahren hat Strache seine “Blauen” mit Dauerwahlkampf zur Volkspartei gemacht, erklärtes Vorbild für die AfD. Bei den Parlamentswahlen könnte die FPÖ 25 Prozent oder mehr holen. Während in Deutschland aufgrund der relativen Neuheit der Partei der Einzug der AfD in den Bundestag mit knapp 13 Prozent Empörung hervorruft, stört sich im Nachbarland kaum jemand daran, dass die FPÖ der kommenden Regierung angehören könnte. Viel zu lange prägen Rechtspopulisten dort schon das politische Tagesgeschäft. Strache wäre der erste Politiker mit Vergangenheit im Neonazi-Milieu, der in Europa mitregiert. Er selbst spricht von drei Jahren. Seine Biografinnen Claudia Reiterer und Nina Horaczek schreiben dagegen, dass er “in etwa zwischen 1985 und 1992” in der rechtsextremen Szene verkehrte. Anfang der 90er Jahre sei er ein “gefestigter politischer Mensch” gewesen, sagt Heinz-Christian Strache 2006.
Wenn er damals ideologisch angekommen ist, müssen ihn die Jahre vorher entscheidend geprägt haben. Eine Rekonstruktion in elf Kapiteln.

via sz: Die Akte Strache

Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *