Das Gefühl, immer Gast zu sein

1985 zog Hussein Jinah als Student nach Dresden, wurde Sozialarbeiter. Viele Leute, denen er damals half, sah er später bei Pegida-Demos. Er fühlt sich als “Fremder unter Fremdelnden” – wegziehen will er trotzdem nicht. Als sich zum ersten Mal Anhänger von Pegida im Herbst 2014 in Dresden versammelten, ging Hussein Jinah als einer der ersten Gegendemonstranten auf die Straße. Anfangs ohne Banner, ohne Plakat. Nur mit seinem Gesicht. Dunkle Haut, braune Haare. Manche Pegida-Teilnehmer kamen ihm bekannt vor. An einem Abend drängte sich Jinah in die Masse, er wollte wissen, was die Leute antrieb. Einer der Ordner sagte, er solle sich entfernen. Jinah sah das Gesicht. “Kennst du mich nicht mehr? Wir haben zusammen gegrillt.” Betretene Blicke. Da durfte Jinah doch auf den Platz. Viele Leute in Dresden kennen Jinah. Denn sein Arbeitsplatz ist die Straße. Seit rund 30 Jahren trifft er dort als Sozialarbeiter Menschen, die Probleme haben. Menschen, die “am Rand stehen”, wie er es selbst ausdrückt. Lutz Bachmann kannte Jinah noch als Türsteher von der Diskothek eines afghanischen Bekannten. In jenem Herbst 2014 traf er ihn wieder. Als Bachmann gegen die “Islamisierung des Abendlandes” schimpfte, fühlte sich Jinah plötzlich selbst am Rand: Jinah ist Muslim, geboren in Tansania, heute besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft und nennt sich selbst “Weltbürger”. In seinem neuen Buch erzählt er, wie er als Student in die DDR kam, vorbei an Grenzbeamten mit Kalaschnikows. Wie Kommilitonen eine Freundin noch vor der Wende “Ausländerschlampe” nannten. Wie zur Fußball-EM 2008 an Dönerbuden Fensterscheiben zersplitterten. (…) Seit den Pegida-Demonstrationen sieht Jinah die Probleme nicht mehr nur am Rand der Gesellschaft. Heute rät er Migranten manchmal, sich in bestimmten Vierteln von Dresden lieber nicht aufzuhalten. Bierbars, in denen sich Hooligans treffen. Auch unter den Jugendlichen beschwerten sich manche über Ausländer. Jinah hörte ihnen zu. Versuchte sie zu überzeugen. In seinen Gesprächen zitiert er Quellen, sucht Beweise. Wenn es um Kultur und Religion geht, was Menschen anziehen, was sie zu Hause essen, zitiert Jinah das Grundgesetz. “Wollt ihr eure Freiheiten wirklich aufgeben?”

via spon: Das Gefühl, immer Gast zu sein

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