Roma gelten als Schmuddelkinder Europas – Einblicke in die Realität einer Minderheit

Roma haben mit Ressentiments zu kämpfen. Unsere Reporterin hat einen Angehörigen an seinem Wohnort in Duisburg und in seiner bulgarischen Heimat besucht. Wo sie sind, verwahrlosen Straßenzüge, vermehren sich Ratten, verrotten Wohnungen. Sie leben von Hartz IV und kassieren Geld für Kinder, die es gar nicht gibt: Atanas Murov kennt diese Vorbehalte gegen Roma nur zu gut, denn er ist einer von ihnen. Der 53-Jährige steht in einem schwarzen T-Shirt mit Armani-Aufdruck und einer Violine am Kinn in seinem Wohnzimmer in Duisburg-Hochfeld, einem Viertel, in dem Deutsche zu den Exoten zählen. (…) Murovs Frau, eine Romni, die ihr schwarzes Haar hochgesteckt trägt, serviert Fertig-Schokokuchen und Instant-Zitronentee. Dazu stellt sie ein weißes Schälchen Zucker. Die bulgarischen Eheleute leben nicht von Sozialhilfe. Murovs Frau putzt seit Jahren jeden Tag neun Stunden in einem Luxushotel in Düsseldorf und zahlt Steuern. Auch in ihrem Wohnzimmer blitzt der weiß-schwarze Esszimmertisch. (…) Mit den EU-Beitritten von Bulgarien und Rumänien sowie der vollständigen Freizügigkeit ihrer Arbeitnehmer vor fünf Jahren häuften sich Berichte über Verwahrlosung, Sozialtourismus und organisierte Kriminalität. „Abzocke: Rumänen und Bulgaren kassieren zu Unrecht Sozialleistungen“, „Horror-Häuser“, „Immer mehr Kindergeld ins Ausland“, „Banden nehmen die Stadtkassen aus: Schein-Firmen für Roma-Arbeiter“ – so lautete manche Schlagzeile.
In Mythen und Klischees gefangen
Im vergangenen Jahr sagte Sören Link, Duisburgs Oberbürgermeister, der Stadt im Ruhrgebiet, die mit niedrigen Mieten und leer stehenden Häusern ein Magnet für gering qualifizierte Zuwanderer ist: „Wir haben rund 19.000 Menschen aus Rumänien und Bulgarien in Duisburg, Sinti und Roma. 2012 hatten wir erst 6000.“ Die Nachbarn fühlten sich „nachhaltig gestört durch Müllberge, Lärm und Rattenbefall“. Der SPD-Politiker hatte sich auch schon einmal „das Doppelte an Syrern“ gewünscht, wenn er dafür „ein paar Osteuropäer abgeben könnte“. Die Menschen, die Link meinte, sind seit Jahrhunderten in negativen Klischees und Mythen gefangen. Obwohl dem Holocaust in Europa eine halbe Million Sinti und Roma zum Opfer fielen, stoßen sie in Deutschland derzeit auf „ausgeprägte Gleichgültigkeit“ oder sogar „deutliche Ablehnung“, wie eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ermittelte. Zugleich wächst mit dem Rechtspopulismus die Zahl der Übergriffe. In Deutschland notiert das Innenministerium 60 politisch motivierte Straftaten gegen Sinti und Roma im Jahr 2018, doppelt so viele wie im Vorjahr. Dabei arbeiten die meisten Roma, genau wie die Murovs, hart für ein besseres Leben. Daten von Minderheiten oder ethnischen Gruppen werden zwar aus historischen Gründen nicht erhoben, aber aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass die Beschäftigungsquote von Rumänen und Bulgaren – viele von ihnen sind Roma – vergleichsweise hoch ist: Mit 63 Prozent liegt sie über dem Durchschnitt anderer ausländischer EU-Bürger. Auch wenn diese Gruppe überwiegend in geringqualifizierten Jobs beschäftigt ist, bezieht laut dem Jobcenter Duisburg von den etwa 20.000 Rumänen und Bulgaren, die in der Stadt leben, nur ein „recht geringer Anteil Leistungen“ – rund 30 Prozent. Darunter seien Kinder, Nichterwerbsfähige und Aufstocker. Sozialmissbrauch gebe es eher in „Einzelfällen“.

via handelsblatt: Roma gelten als Schmuddelkinder Europas – Einblicke in die Realität einer Minderheit

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