Die «kriminelle Kehrseite» des FC Bayern: «Die Einnahmen flossen in die Taschen der Stars oder wurden bei einer Zwischenlandung in der Schweiz deponiert».

Der Historiker Hans Woller wollte nur eine Biografie über den legendären Torjäger Gerd Müller schreiben. Doch dabei stiess er auf hochbrisante Deals des FC Bayern München mit der Politik, schwarze Kassen und Doping aus dem Zweiten Weltkrieg. Herr Woller, Sie sind Experte für den italienischen Faschismus, schrieben eine vielbeachtete Biografie Mussolinis. Wie kommen Sie auf Gerd Müller? Ich hoffe, dass in dieser Frage nicht Missbilligung mitschwingt. Einige Fachkollegen haben mit Unverständnis reagiert oder gar behauptet, ich setze mit einer Fussballerbiografie meinen Ruf als Historiker aufs Spiel. Dabei habe ich mit den gleichen wissenschaftlichen Methoden gearbeitet wie bei Mussolini. Nach vielen Jahren, in denen ich mit den Widerwärtigkeiten des 20. Jahrhunderts beschäftigt war, hatte ich einfach das Bedürfnis nach etwas Neuem. Ich dachte: Fussball ist schon immer meine Leidenschaft gewesen. Wieso also nicht zeigen, was das Leben eines Sportlers über die deutsche Zeitgeschichte aussagt? (…) Das führt direkt in dieses dubiose Münchner Milieu, auf das Sie bei der Recherche zu Gerd Müller gestossen sind: Sie sprechen gar von der «kriminellen Kehrseite des Erfolgs». Wie sollte man es sonst nennen? Es geht schliesslich um Steuerhinterziehung und schwarze Kassen! Fussball ist ein toller Sport, aber er hat in meinem Untersuchungszeitraum auch eine kriminelle Kehrseite.Könnten Sie das ausführen? Der FC Bayern war höchst erfolgreich, hatte aber nicht das Geld, um die teure Mannschaft dauerhaft bezahlen zu können. Die Einnahmen aus den Ticketverkäufen reichten bei weitem nicht. Das zusätzlich benötigte Geld verdiente der FC Bayern München schliesslich mit Tourneen im Ausland, häufig in Südamerika. So kamen gut 100 Spiele im Jahr zusammen. Diese Einnahmen wurden aber nicht versteuert. Sie flossen mehr oder weniger direkt in die Taschen der Stars oder wurden auf der Rückreise bei einer Zwischenlandung in der Schweiz deponiert. Welche Banken das waren, weiss ich allerdings nicht. Das ist schwer zu rekonstruieren. Darüber wurde natürlich nicht Buch geführt. Aber mehrere Zeitzeugen haben bestätigt, dass solche Zwischenlandungen in der Schweiz üblich gewesen seien. Dass verschiedene Spieler, unter ihnen Beckenbauer und Müller, in Steuerskandale verwickelt waren, wusste man partiell aus den zeitgenössischen Zeitungen. Wobei es häufig nur bei Andeutungen blieb. Was aber bisher völlig unbekannt war: Die undurchsichtigen Geldflüsse hatten System und waren Teil einer engen Kooperation von Politik und FC Bayern. Sie schreiben, der FC Bayern und die CSU seien schon in den 1960er Jahren eine Art strategische Partnerschaft eingegangen. Der Verein suchte die Nähe zur politischen Macht, die Politiker profitierten von der Popularität des Fussballs – eine Win-win-Situation. Erschreckend war für mich, dass das Modell, Gelder von den Auslandtourneen nicht zu versteuern, offenkundig eine Anregung des damaligen bayrischen Finanzministers war.

via nzz: Die «kriminelle Kehrseite» des FC Bayern: «Die Einnahmen flossen in die Taschen der Stars oder wurden bei einer Zwischenlandung in der Schweiz deponiert».

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