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Impfgegner: Reaktionärer Widerstand seit 200 Jahren

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Impfgegner sind politisch und ideologisch motiviert. Darum ist es schwer, ihnen mit Argumenten zu begegnen. Norbert Hofer hat den durch Fraktionschef Herbert Kickl verkörperten strammen Anti-Impfkurs der Partei durchkreuzt. Kurz zuvor gab der freiheitliche Welser Bürgermeister Andreas Rabl (FPÖ) in den Medien bekannt, sich sicher impfen zu lassen. Das ist gut. Und er empfiehlt, “Impfungen nicht zur ideologischen Frage zu machen.” Das ist naiv. Impfungen und der Widerstand dagegen sind eine Frage von Ideologien und Werten seit 200 Jahren (…) 1869 geb es bereits ein Anti-impf-Magazin Man konnte den Erfolg einer Impfung schon damals erklären, sehen und zählen. Doch die Freunde diverser Seuchen zeigten sich schon damals unbeeindruckt: In Tirol setzte der Rebell Andreas Hofer zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seiner kurzen Herrschaft über das heilige Land die von der bayerischen Herrschaft eingeführte Pockenimpfungen aus – offenbar auf Anregung seines Mitkämpfers Joachim Haspinger. Dieser rabiate Kapuzinerpater hatte die Vakzinen schon länger bekämpft, wäre doch der reinen und naturwüchsigen Tiroler Seele damit “bayerisches Denken” eingeimpft worden. Diese Fußnote zeigt, dass der Tiroler Widerstand zu einem guten Teil auch reaktionäres Aufbegehren gegen die napoleonische Moderne war. Die war manchem in der Lederhose zuwider. Religiös verbrämtes Sektierertum gegen die Aufklärung, das gibt es auch heute. Bei der Demo am 16. Jänner in Wien sah man eine Frau mit einem Plakat, auf dem zu lesen war: “Jesus Blut heilt Euch, nicht die Impfung.”  In England erschien im Jahr 1869 mit dem “The Anti-Vaccinator” die wohl erste Zeitschrift der Impfgegner. In einer Art Leitartikel stellen die Impfgegner die Frage, warum das “Glaubensbekenntnis einer medizinischen Sekte” per Impfpflicht durchgesetzt werden sollte.  Impfungen wurden immer schon mit Juden assoziiert Das wohl älteste bekannte Sujet von Impfgegnern stammt aus dem Jahr 1869: Es zeigt eine Mutter, die mit ihrem kleinen Kind im Arm flüchtet, vor einer Schlange mit der Aufschrift “Vaccination”. Der stilisierte Tod hält sich im Hintergrund, doch er frohlockt. Suchte eine Weltanschauung einen Sündenbock, so wusste sie die Schlange zu benennen. Der deutsche Philosoph Eugen Dühring, ein rabiater Vordenker des nationalsozialistischen Antisemitismus, schrieb 1881: “Auch von dem Impfaberglauben selbst abgesehen, ist der Impfzwang immer ein Mittel, durch welches dem ärztlichen Gewerbe eine unfreiwillige Kundschaft zugeführt wird.” Und natürlich ortete Düring “die Juden” hinter Impfungen und Impfzwang: “Der ärztliche Beruf ist wohl unter allen gelehrten Geschäftszweigen nächst der Literaten am stärksten von Juden besetzt.” 
Nazi-Deutschland als “Anti-Vakzi-Nation” Der Zugang der Nationalsozialsten zu Impfungen war von Zweifeln geprägt. Pragmatische Überlegungen für einen widerstands- und wehrfähigen “Volkskörper” sprachen für Impfungen. Die Idee einer Immunisierung der Massen widersprach indes dem Gedanken von Auslese und Abhärtung. Dass der “Herrenmensch” mit einer Impfung den “Untermenschen” schützt und vice versa, das war offenbar ein unerträglicher Gedanke. Julius Streicher schrieb im Jahr 1935: “Die Impfung ist eine Rassenschande”. Hinter einer gesetzlichen Impflicht aus dem Jahr 1874 verortete Streicher jüdische Abgeordnete. Streichers Hetzblatt “Der Stürmer” illustrierte den Zeitgeist in einem Sujet: Ein Arzt mit Hakennase, er lächelt verschlagen, hält eine Spritze in der Hand. Seine Patientin hat ein Kind im Arm, sie sieht sehr deutsch aus und äußert Bedenken: “Mir ist so komisch zu Mut, Gift und Jud tut selten gut.”  Der Deutsche Impfgegner-Ärztebund reimte im Jahr 1935:  „Deutsches Volk, hab‘ nichts mit dem Impfen gemein, / Es ist jeder wahren Gesundheitspflege Hohn, / Und willst Du nicht selbst Dein Totengräber sein, / Dann bekenn‘ Dich entschlossen zur Anti-Vakzi-Nation!“ Volksbegehren: rechte Reihen sind geschlossen
Der rechte Narrensaum im Lande hält auch im Jahr 2021 die Reihen hinter einem “Volksbegehren gegen Impfpflicht” dicht geschlossen. Diese Attitüde ist nur mit viel Fantasie von einem historischen Kontinuum zu trennen. Die Sektion Straßentheater der rechtsextremen Identitären zog im Sommer 2020 mit einer Gesichtsmaske von Bundeskanzler Sebastian Kurz durch die Straßen, ausgestattet mit einer großen Spritze und mit der rhetorischen Frage: “Wer will sich von Kurz impfen lassen?”  Rührig ist auch die rechte Politseniorin Inge Rauscher mit ihrem Verein “Heimat & Umwelt”. Rauscher wollte vor zwei Jahren mit einer EU-Austrittsbewegung in das EU-Parlament einziehen. Derzeit macht sie sich für das “Volksbegehren gegen Impfpflicht” stark. Die stark rechtslastige “Wegwarte”, eine Publikation von Rauschers Initiative, wagt sich weit vor in das Metier der Medizin. In der Ausgabe vom September 2020 steht, “dass diese Coronaimpfung erstmals in der Geschichte der Menschheit in die Erbsubstanz jedes Einzelnen eingreifen und diese verändern wird.” Und: “Was sollen Impfungen nützen gegen einen Virus, der noch nie nachgewiesen wurde?” Weiter hinten in dem Intelligenzblatt liest man, der Mobilfunkstandard “5G kann Coronaerkrankungen verursachen”.

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