Jungle World ··· 25/2004 Dossier ··· Opas Oradour

Vom Reiseführer bis zum »Ploetz«: In Deutschland bestimmt die Version der Täter bis heute die Darstellung des SS-Massakers. Von Kerstin Eschrich

Wer im Limousin Urlaub machen will und seine Informationen dem seither nicht wieder aufgelegten DuMont Kunst-Reiseführer »Das Limousin« von 1992 entnimmt, ist schlecht beraten. Unter dem Stichwort Oradour-sur-Glane heißt es: »Auf dem Wege von Limoges zu den Monts de Blond kommt man durch Oradour-sur-Glane, einen Ort, der in diesem Jahrhundert Schlimmes erleben musste. Am 9./10. Juni 1944 gab es hier über 600 Tote. Besatzungssoldaten, am 10. Juni auf der Suche nach einem von der Résistance entführtem Offizier und einem Führungsstab der Widerstandskämpfer, fanden nach ihren Berichten am Ortsrand von Oradour-sur-Glane die Leichen eines am Vortag von den Maquisards überfallenen Verwundetentransports und in den Häusern des Dorfes versteckte Waffen und Munition. Daraufhin erschossen sie die meisten aufgegriffenen Männer als Partisanen und brannten die Häuser nieder. Viele der Frauen und Kinder, in die Kirche gesperrt, kamen bei dem Brand ums Leben. Die Ruinen und ausgebrannten Mauerreste sind heute eine eingezäunte Geisterstadt und ein gut organisiertes, viel besuchtes Touristenziel. Einige der Objekte, die dem Flammeninferno entgingen, sind im Ort ausgestellt; für die Kirchenruine steht ein Führer zur Verfügung.«

Das ist die Version, die von der SS über das Verbrechen an der Bevölkerung von Oradour in die Welt gesetzt wurde. Die Tat wird und wurde als Maßnahme gegen angebliche Waffenlager des französischen Widerstands und als Repressalie für »heimtückische Partisanenangriffe« ausgegeben. So behauptet der vormalige SS-Obersturmbannführer Otto Weidinger in seinem Buch »Division Das Reich«, man habe »am Ortsausgang von Oradour-sur-Glane die Überreste einer deutschen Sanitätsstaffel gefunden, welche mit allen Verwundeten offensichtlich bei lebendigem Leib verbrannt sind«. Zudem schreibt er, in den Häusern habe sich Munition befunden. Diese Lüge findet sich auch im Tagesbericht des SS-Regiments »Der Führer« für den 11. Juni 1944: »Nach Durchsuchung des Ortes wurde dieser niedergebrannt. Fast in jedem Haus war Munition gelagert.« Behauptungen, die entgegen allen Tatsachen auch heute noch verbreitet werden.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Aussagen des SS-Obersturmführers Heinz Barth, der als einer der wenigen Mörder von Oradour überhaupt vor Gericht gestellt wurde und als einziger vor ein deutsches. Ihm wurde 1983 in der DDR vor dem Ersten Strafsenat des Stadtgerichts Berlin der Prozess gemacht. Barth war in Oradour Führer des Ersten Zuges des Panzergrenadierregiments »Der Führer«. 45 Soldaten waren ihm unterstellt, denen er u.a. den Befehl gab, 20 Männer, die in einer Garage eingesperrt waren, zu erschießen.

Barth sagte aus: »(Von SS-Hauptsturmführer Otto Kahn; Anm. K.E.) erhielt ich den Befehl, mit einer Gruppe von Männern meines Zuges Personen zu erschießen, die sich in einem garagenähnlichen Gebäude befanden. Sie standen in Zweierreihen. Es handelte sich um eine Männergruppe von 20 Personen im Alter von 20 bis 50 Jahren. Es können auch Jüngere dabei gewesen sein. Die Gruppe war erregt. Es war mir gesagt worden, dass, wenn ein Schuss als Signal in die Luft abgegeben wird, durch mich zu befehlen sei: ›Legt an, Feuer!‹« Befragt vom Vorsitzenden Richter Dr. Hugot, ob er erschrocken gewesen sei über diesen Auftrag, verneinte er und erklärte, dass er »den Befehl kannte«.

Jungle World ··· 25/2004 Dossier ··· Deutsch-französische Freundschaft

Das Massaker von Oradour-sur-Glane, die SS-Division »Das Reich« und der Prozess von Bordeaux.
Am 10. Juni 1944, einem Sonnabend, kreist um die Mittagszeit die Dritte Kompanie des Vierten SS Panzergrenadier-Regimentes »Der Führer« der Zweiten SS-Panzer-Grenadier-Division »Das Reich« das Dorf Oradour-sur-Glane ein, ermordet die Bewohner, Männer, Frauen und Kinder, auch die Kinder der Nachbargemeinden, die im Ort zur Schule gehen, Wochenendgäste und Besucher fast ausnahmslos, plündert, brennt die Häuser nieder, trinkt nach vollbrachter Tat Champagner und Wein aus den Kellern und macht sich davon. Einige verlassen noch am Abend das zerstörte Dorf, andere feiern im Haus der Familie Dupic die ganze Nacht lang eine Orgie und verlassen Oradour erst am nächsten Morgen, nicht ohne das Haus noch anzustecken. Am Montag in aller Frühe kommen die Deutschen noch einmal zurück, um ihre Spuren zu verwischen. In zwei Gruben werden Leichen vergraben, die Kirche, in der sie Frauen und Kinder ermordeten, wird »gereinigt«. Die genaue Anzahl der Toten konnte nie festgestellt werden. Fast zwei Jahre später stellte ein Zivilgericht in der Kreisstadt Rochechouart nach Anhörung aller Zeugen und Einsicht in alle Dokumente jedoch amtlich fest: Es waren 642 Tote, von denen nur 52 identifiziert werden konnten. 36 Menschen überlebten, sei es, weil sie außerhalb arbeiteten oder auf Reisen waren, sei es, weil sie fliehen konnten. Unter den Toten waren 40 Menschen aus Lothringen, sieben oder acht Elsässer, 19 Spanier, drei Polen und eine siebenköpfige italienische Familie. Das Feuer zerstörte 328 Bauten, darunter 123 Wohnhäuser, 22 Geschäfte, vier Schulen und den Bahnhof.

Jungle World ··· 25/2004 Dossier ··· Zum Beispiel Oradour

Im europäischen Gedenken haben die Opfer der deutschen Verbrechen nichts verloren. Von Tjark Kunstreich Mit den Feiern zum 60. Jahrestag der Landung in der Normandie beginnt ein bunter Reigen von Gedenktagen, der bis zum 8. Mai 2005 andauern wird. Die Tage der Befreiung von Orten und KZ und die Tage, an denen Deutsche zu Opfern wurden, werden gleichberechtigt nebeneinander stehen in einem Europa, in dem, wie Gerhard Schröder es im Spiegel treffend sagte, nicht nur der Zweite Weltkrieg, sondern auch die »Nachkriegsordnung« überwunden wurde. Über die erstmalige Einladung eines deutschen Regierungschefs zu den Feierlichkeiten in der Normandie sagte Schröder: »Der Inhalt dieser Einladung heißt doch: Der Zweite Weltkrieg ist endgültig vorüber.« Zu verdanken haben die Deutschen die Einladung dem französischen Präsidenten Jacques Chirac, jedoch wäre es verfehlt, so zu tun, als sei dies etwas Neues, gar ein Widerspruch zur bisherigen Politik Frankreichs gegenüber Deutschland, im Gegenteil. Sie war und ist geprägt vom uneingestandenen Versagen der Linken vor dem deutschen Einmarsch 1940, als man auf Appeasement statt auf Aufrüstung setzte und dem deutschen Angriff nicht standhalten konnte, und von der Kollaboration weiter Teile der bürgerlichen Rechten mit den deutschen Besatzern im Vichy-Regime, das weit mehr war als eine Marionettenregierung. Über beiden Tatbeständen lag ein jahrzehntelanges Schweigen, das Legendenbildung ermöglichte: über die Einheit der Grande Nation im Widerstand gegen die Okkupanten, die es ebenso wenig je gab wie den »sauberen Krieg« der Wehrmacht in Frankreich – Legenden, an denen fast alle politischen Fraktionen der Nachkriegszeit ein Interesse hatten. Wie in Deutschland galten die Überlebenden schon früh als »Störenfriede der Erinnerung« (Eike Geisel), wenn sie es wagten, die Beteiligung französischer Beamter an der Deportation und Ermordung der französischen Juden anzuklagen; wenn sie auf die Verbrechen von Wehrmacht und SS hinwiesen, denen Tausende zum Opfer fielen und an denen in nicht geringem Ausmaß auch französische Staatsbürger beteiligt waren. Auch die Tatsache, dass im bewaffneten Widerstand mehrheitlich Kinder von Einwanderern und Flüchtlinge kämpften, wurde unter den Teppich gekehrt. Die Kommunistische Partei Frankreichs forderte nach dem Krieg ehemalige Kombattanten auf, ihre jüdisch-polnischen Namen »einzubürgern«, d.h. französische Namen anzunehmen.

de.indymedia.org | Berlin: Gedenken an Sinti und Roma

Aus Anlaß des 68. Jahrestages der Zwangseinweisung von der Berliner Sinti und Roma in das Lager Marzahn fand heute eine Gedenkstunde auf dem dortigen Parkfriedhof statt. Eingeladen hatte der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e. V. – sind ca. 100 Menschen folgten dieser Einladung. Gedenkstein auf dem Parkfriedhof Marzahn Neben den Juden waren die Sinti und Roma im Dritten Reich einer gnadenlosen rassistischen Verfolgung ausgesetzt. So heißt es in den 1936 von Stuckart und Globke verfassten Kommentaren zu den Nürnberger Rassegesetzen vom September 1935: ‘Artfremdes Blut sind in Europa regelmäßig nur die Juden und die Zigeuner’. Ein ‘Zigeuner-Rastplatz’ wurde in Berlin-Marzahn eingerichtet, wohin alle Berliner Sinti von den Behörden zwangseingewiesen wurden. Während des Krieges wurden die meisten nach Auschwitz deportiert und ermordet. Von mehreren Tausend, die das Marzahner Lager durchliefen, befreite die Rote Armee Ende April 1945 knapp zwei Dutzend.

de.indymedia.org | Tumulte bei NPD-Veranstaltung in Kiel-Gaarden

Es regnete Eier und Tomaten, es kam zu mehrfachen Tumulten und handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen einigen hundert Gaardenern und der Polizei. Heute mittag im Karlstal in Kiel-Gaarden: Mitglieder der NPD hatten dort einen Info-Stand zur Europawahl aufgebaut. Die Aktion endete in einem Debakel für die NPD, die Polizei zog mehrfach gegen eine aufgebrachte Menge den Kürzeren, Tränengas kam zum Einsatz.

de.indymedia.org | naziübergriff in rastatt!

am samstag, dem 12. juni, versuchten gut zwei dutzend neonazis das jugendzentrum in rastatt zu überfallen Naziangriff auf Jugendkulturzentrum Art Canrobert e.V. Art Canrobert e. V. – Verein für Musik und Jugendkultur – in Rastatt erhielt am vergangenen Samstag, den 12.06.04 unerwarteten wie ungebetenen Besuch von ca. 20 Neonazis aus dem Karlsruher und Rastatter Raum. Die „Rastatter Kameradschaft“ hatte zum wiederholten Male zu einer „Grillparty“ ins nahegelegene Kuppenheim geladen. Hier treffen sich bereits seit mehreren Monaten bis zu hundert Neonazis in privat angemieteten Räumen. Gegen 0.30 wagten sich ca. 20 alkoholisierte Nazis, die mit vier Fahrzeugen (drei mit Karlsruher eines mit Rastatter Nummernschild) anreisten, zunächst an die zum Gelände des Vereines angrenzende Hauptstrasse um dort zu pöbeln. Als ein vom Lärm gestörter türkischer Anwohner um Ruhe bat, beschimpften sie ihn und seine Familie mit „Scheiss Türken“ und pinkelten an deren Hauswand – zwei Kennzeichen der Nazis konnten daraufhin notiert werden. Im Anschluss daran, begaben sich die Nazis über Umwege an den zum Kulturzentrum grenzenden Zaun und begrüßten die sich vor dem Haus aufhaltenden Jugendlichen mit Hitlergrüßen, „Scheiss Zecken“ und begannen Flaschen zu schmeißen. Einige Jugendliche wurden von Flaschen und Scherben getroffen und zogen sich Verletzungen zu.

Nachrichten.ch – Blocher für unbefristete Ausschaffungshaft

Ausländerinnen und Ausländer ohne Aufenthaltsrecht sollen unbefristet in Haft genommen werden, um sie ausschaffen zu können. Dies wird Bundesrat Christoph Blocher dem Ständerat vorschlagen, wie er im Nationalrat ankündigte.
Es gebe immer wieder renitente Personen, welche die Schweiz verlassen müssten und die maximal neunmonatige Ausschaffungshaft einfach aussässen, sagte der Justiz- und Polizeiminister. Er werde den Vorschlag für eine unbefristete Haft mit regelmässiger richterlicher Überprüfung bis Ende Monat ausarbeiten lassen.

espace.ch – Anonyme Warnung vor den Neonazis

Wird sich der Trauermarsch der Neonazis vom letzten Jahr wiederholen? Die Linke behauptet, in den Tagen um den 5. Juli werde sich die rechte Szene erneut in Burgdorf versammeln. Die Stadt ist wachsam. Das e-Mail, das an die Behörden von Burgdorf und an die Medien ging, malt schwarz. Es sei «fast schon» zur Tradition geworden, dass sich die rechte Szene in den Tagen um den 5. Juli herum zu einem Marsch zum Gedenken an einen der Ihren in der Emmestadt treffe. «Jeweils 80 bis 100 Naziskins zogen durch die Stadt und konnten so unter dem Deckmantel eines Trauerumzuges ihre faschistische Gesinnung zur Schau stellen», so das anonyme, wohl aus linker Feder stammende Schreiben weiter. Ziel «nicht völlig erreicht» Tradition? Mitnichten, wie ein Blick ins Internet zeigt. Zwar wird hier im Umfeld der rechts gesinnten Partei National Orientierter Schweizer (PNOS) tatsächlich von einem Marsch hin zum Burgdorfer Friedhof berichtet, der am 5. Juli 2003 stattgefunden hat. Auf der gleichen Seite steht aber auch, dass der junge Mann, um den getrauert wurde, erst im Jahr zuvor «einem tragischen Autounfall» zum Opfer gefallen war. Der letztjährige Umzug war demzufolge der erste und bisher einzige seiner Art.”

Main-Rheiner · Eine unermüdliche deutsche Patriotin – Toni Sender

Als Kämpferin für die Rechte der Frauen blieb die Biebricherin unvergessen Toni Sender
Sie zählte zu den bemerkenswertesten Frauen des vorigen Jahrhunderts. Eine deutsche Patriotin, die schneller und folgerichtiger die Zeichen der Zeit erkannte und voraussagte, als andere. Gewerkschafterin und Publizistin, Frauenrechtlerin und Reichstagsabgeordnete, Kommunalpolitikerin und Emigrantin – alles das war die Biebricherin Toni Sender, deren Todestag sich am 26. Juni zum 40. Male jährt.

Salzburg im Internet: Vier Jahre Haft für Friedhofsschänder

Zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von vier Jahren wurde heute, Mittwoch, der 33-jährige Christian A. am Landesgericht Wiener Neustadt verurteilt. Er wurde schuldig befunden, am 31. Oktober 1992 – gemeinsam mit seinem bereits verurteilten Schulfreund Wolfgang T. – 88 Grabsteine am jüdischen Friedhof in Eisenstadt mit Nazi-Parolen besprüht zu haben. Das Urteil ist somit nicht rechtskräftig. ‘SS’-Runen, ‘Juden raus’, ‘Sieg heil’, ‘Saujude’, Davidsterne und Hakenkreuze hatten A. und T., der seine Haftstrafe mittlerweile abgesessen hat und ebenfalls als Zeuge geladen war, auf 88 Grabsteine gesprüht. 1996 setzte sich A. nach Südafrika ab, wo er sich insgesamt sieben Jahre aufhielt. Er hätte Angst vor der hohen Gefängnisstrafe gehabt, sich jedoch für die Rückkehr nach Österreich entschieden, weil er ‘bereit war, für die Sache einzustehen’.