#Juden suchen Abstand zum Machtkampf

Ukrainischer Rabbiner Azman in Sorge um Provokationen in einer »gefährlichen Situation«. In einer Zeit der Anarchie fühlen sich in der #Ukraine jüdische Bürger von Rechtsextremen besonders bedroht. Rabbiner Azman setzt auf eine »ausgewogene Haltung«. Große Verunsicherung herrscht in den jüdischen Gemeinden der Ukraine. Seit dem Sturz der Janukowitsch-Regierung ist ein rechtsfreier Raum entstanden. Pro-EU-Bürgerwehren, nationalistische und faschistische Milizen streifen durch die Städte und sorgen auf eigene Faust »für Recht und Ordnung« – manchmal üben sie Rache und Selbstjustiz an politischen Feinden. Einige Rechte nutzen auch das Chaos, um ihren Judenhass auszutoben. In der Nacht nach der Machtübernahme durch die prowestliche Opposition wurde die Giymat-Rosa-Synagoge in Saporoshje, etwa 400 Kilometer südöstlich von Kiew, mit Molotow-Cocktails angegriffen. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. In Simferopol auf der Krim, wo rund 10 000 Juden leben, wurde vor einigen Tagen der Eingangsbereich der Ner-Tamid-Synagoge mit Hakenkreuzen beschmiert. Bereits Mitte Januar waren in Kiew ein Hebräischlehrer und ein Student nach dem Synagogenbesuch attackiert und verletzt worden. »Wir befinden uns in einer gefährlichen Situation«, sagte Rabbiner Moshe Reuven Azman dem »nd«. »Die Polizei des alten Systems ist verschwunden, die neue ist noch nicht da: In dieser Zeit der Anarchie kann praktisch jeder kommen und im Namen der Maidan-Regierung auftreten.« (…) Bislang kann nicht von einer Welle antisemitischer Auswüchse gesprochen werden. Aber der Übergangsregierung gehört die nationalchauvinistische Partei »Swoboda« an, deren Chef Oleg Tjagnibok 2012 die Janukowitsch-Regierung als »russisch-jüdische Mafia« beschimpft hatte. Seit »Swoboda« vom Westen unterstützt wird – Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte Tjagnibok sogar zum Gespräch in der deutschen Botschaft empfangen – vermeidet ihre Führung offenbar antisemitische Pöbeleien. Aber die schlagkräftige Anhängerschaft der Partei ficht das nicht an: »Russen, Juden und Polen kontrollieren einen großen Prozentsatz der ukrainischen Wirtschaft und Politik«, monierte kürzlich Jewhen Karas, einer der Anführer der neofaschistischen Gruppe Combat 14. Die Zahl steht für den rassistischen Grundsatz der »14 Wörter«: »Wir müssen die Existenz für unser Volk und eine Zukunft für weiße Kinder sichern.« Die Partei »bereitet mit ihrer Rhetorik den Boden« für antisemitisch motivierte Straftaten, kritisiert Boris Fuchsmann, Präsident der Jüdischen Konföderation der Ukraine, die bisher vergeblich fordert, dass sich die westlichen Regierungen von »Swoboda« distanzieren. Wie kompliziert die Gemengelage ist, belegt die Existenz einer rund 40-köpfigen Maidan-Kampfeinheit. Sie wird von fünf ehemaligen Soldaten der israelischen Armee angeführt, hat den Synagogen in Kiew Schutz angeboten und erhält ihre Einsatzbefehle von »Swoboda«.

via nd: Juden suchen Abstand zum Machtkampf